„Um ein Kind zu erziehen, braucht man ein ganzes Dorf.“ , besagt ein afrikanisches Zitat, welches derzeit gerne bemüht wird, um das moderne Ausmaß an Fremdbetreuung, aber auch die Einmischungen von Freunden und Verwandten in die Erziehung zu rechtfertigen. Was sie dabei vergessen? Die Welt ist eben KEIN Dorf!

Stellen sie sich folgende Situation vor: Sie lernen einen wildfremden Menschen kennen, den sie ein paar Wochen später drei Tage lang, für jeweils eine Stunde am Tag besuchen, sich mit ihm in einen Morgenkreis setzten und ein paar Lieder singen, vielleicht ein Fingerspiel machen und dann gemeinsam das Spiel ihres Kindes beobachten. Dazu ein wenig kinderbezogener Smalltalk. Würden sie jemandem nach drei Tagen (Berliner Modell) einfach so das Leben ihres Kindes anvertrauen? Die meisten Eltern, denen man diese Frage so stellt, lachen kurz: „Nein, natürlich nicht.“ Ich stoppe sie jetzt mal und würge ihr „Aber…“ einfach ab meine Herrschaften und weise sie darauf hin, dass ihr Kind zu diesem „Aber…“ gar nicht fähig ist.

Falls sie jetzt denken, ich lasse mir eben nicht gerne reinreden und sei eine übermotivierte Glucke, liegen sie damit falsch: ich lasse mir reinreden –sehr oft sogar! Nur nicht von jedem.

Wir leben (momentan und immer noch) mit Nachwuchs in einer Wohngemeinschaft, kurz “WG” (ja das geht – sogar gut!).  Ratschläge meiner Mitbewohner oder auch meiner Mutter, die ganz in der Nähe wohnt und oft hier ist, nehme ich gerne an. Ich habe auch keine Bedenken das Kind in diesem Personenkreis mal für ein paar Stunden unterzubringen – schließlich kennen sie die kleine Maus, seit sie auf der Welt ist. Bei den Großeltern, die in Berlin leben und unsere Tochter nicht so oft sehen, sieht es dagegen anders aus.

Warum? Weil zu einer qualitativ hochwertigen und sinnvollen Mit-/Fremderziehung oder auch -Betreuung eben eine gewisse zeitliche Quantität gehört und das wird heute oft und gerne vergessen. Wer das Kind nicht täglich oder wenigstens wöchentlich sieht, der kennt es kaum, ist quasi „fremd“ und weiß auch nicht, was uns bei der Erziehung wichtig ist. Der Austausch ist dann immer viel schwerer, weil die Basis schlichtweg fehlt. Unsere Mitbewohner dagegen sind wie Onkeln und Tanten für unser Kind, bekommen jedes Lachen, jedes neue Wort, aber auch die schlaflosen Nächte der ersten Zähne mit, kennen ihren Tagesablauf und wissen was gerade auf der Speisekarte steht.

Angst vor “Autoritätsverlust” hat keiner – es geht eher darum, dass Kinder, gerade wenn sie klein sind feste Bezugspersonen brauchen. Das können liebend gerne auch mehrere Leute sein, aber wo ist das bei modernen Familien und einer hochflexiblen Arbeitswelt noch der Fall? Oft wohnt man eben mehrere 100km vom Rest seiner Familie entfernt. Das Modell der Großfamilie, die unter einem Dach lebt, hat doch längst ausgedient und das will heute ja irgendwie auch keiner mehr. Lieber gibt man tausende Euro im Jahr für einen Krippenplatz aus, anstatt (wie langweilig!) sich in der Nähe der eigenen Eltern anzusiedeln oder andere Lebensgemeinschaften, die sich jenseits des propagierten Individualkapitalismus abspielen, zu wagen.

P.S. Ja dieser Beitrag darf gerne auch als eine Antwort auf den folgenden Nido-Artikel verstanden werden:

http://www.nido.de/artikel/und-alle-mischen-mit/

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