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Das Mutterschiff, die „Brigitte“, war eigentlich nie mein Fall gewesen und gehörte meiner Ansicht nach auch eher in die Ü-40 Rubrik der Unterhaltungsmagazine, genauso wie die „Freundin“ oder die „Für Sie“. Trotzdem ließ ich mich kürzlich (unser Zug nach Berlin hatte Verspätung) dazu verleiten die „Brigitte-Mom“ für 2,80 Euro zu erstehen. Das schwarz/weiß gehaltene Cover mit der farbenfrohen Beschriftung hatte mich einfach sofort angesprochen und der Untertitel „Das Magazin mit starken Nerven„, ließ mich auf mehr hoffen.

Kaum im Zug aufgeschlagen stutzte ich auch schon: „Alleinerziehend – wie schön! Was Single Moms so sexy macht“, lautete der Titel des ersten Artikels, der inklusive Fotostrecke daher kam. Zu sehen, wie sollte es auch anders sein, natürlich nur Mütter, die auch ohne weiteres in einem Sex-And-The-City-Spin-Off mitspielen könnten. Die Autorin, Susanne Frömel , 37 Jahre, Mutter von zwei Söhnen erklärt auf vier Seiten wie toll und „schön“  das Leben als alleinerziehende Mutter doch ist. Nicht nur, dass man jedes Wochenende die Kinder an den Ex-Partner  abgeben und endlich wieder auf die Piste gehen kann, nein, die Kinder sind auch „super um jämmerliche Dates abzukürzen“.  Einfach behaupten der Babysitter „muss heute früher gehen“ und schon ist man raus aus der Situation, d.h. ist man dann eigentlich nicht erst richtig drin? Wer hat neben Beruf, Kindern und Haushalt denn auch noch Zeit für einen endlosen Date-Marathon? Diese Frage stellt Frau Frömel zwar nicht – eine Antwort liefert sie, neben den geregelten Umgangswochenenden (um die hier niemand in langatmigen anstrengenden Gerichtsprozessen kämpfen muss), aber dennoch:  „Bindungsloser Sex“! Und es kommt noch besser: laut „Brigitte-Mom“  sind Single-Mütter besonders reizvoll für diese Art von verantwortungslosen  Bindungsphobikern, da „eine Frau Ende 30, die keine Kinder hat, wohl aber den Wunsch nach einer Familie, Gefahr läuft, an jeden Mann mit einer Check-Liste ranzugehen“.  Das „reduziert“, so Frömel weiter, „ihn auf seinen Genpool und sein Versorgerpotential“.  Ein Albtraum für alle ledigen Männer in der zweiten Lebenshälfte. (Sollte man sich da nicht  lieber gleich einen jungen „Toy-Boy“ zulegen?)

Wer damit nichts anfangen kann, für den gibt es aber auch noch Millionen von Männern, die „den Wunsch haben ein Kind zu bevatern ohne die volle Verantwortung zu übernehmen“. Wie glücklich kann sich eine Frau doch schätzen, die einen solchen Fang macht, denke ich und gluckse leise. (Vorausgesetzt der Ersatz-Papa-auf-Zeit nimmt seine „Beute-Kinder“ auch an.) Noch erstrebenswerter und eine absolute „Win-Win-Situation“ sind allerdings die sog. Patchwork-Familien,  denn schließlich sind Scheidungen ja überall mittlerweile Gang und Gäbe und diese Recycling-Familien quasi ein Ausdruck für den modernen, weltoffenen Zeitgeist.  „Mehr liebe für alle“, gäbe es da – eine tolle Sache, nicht wahr?

Erst im letzten Abschnitt befällt die Autorin kurzzeitig das schlechte Gewissen: „Wäre es schöner für die Kinder gewesen, wenn die leiblichen Eltern zusammen geblieben wären?“ Die Antwort von Frau Frömel: „Schöner ja, echter nein.“, lässt einen ungefähr erahnen mit welchem Eifer sie damals wohl versucht hat ihre Beziehung zu retten. Wie die meisten Eltern glaubt auch sie, dass man, sollte es sich mit dem Partner nicht mehr richtig anfühlen, „das unbedingte Recht, sogar die Pflicht hat, sich etwas Echteres zu suchen“. Bei diesem Satz muss ich unweigerlich an Frauen denken, die sich in der Modeboutique ihres Vertrauens nach einem Kunstfellbesatz umsehen, der „echter“ aussieht und sich auch so anfühlt – ein Bild, dass allerdings schon beim nächsten Satz von blanker Fassungslosigkeit hinweggefegt wird.  „Davon profitieren, bei allem Schmerz, langfristig auch die Kinder.“ , schreibt Susanne Frömel und fügt hinzu: „… man kann Kindern durchaus ein wenig Leben zumuten.“  Das die Trennung der Eltern psychisch gesehen gleich hinter dem Tod eines Elternteils rangiert – vom erhöhten Suchtkrankheitsrisiko und anderen Störungen, sowie Bindungsproblemen ganz zu schweigen – scheint sie entweder noch nie gehört zu haben oder sie wird es, wie die meisten, einfach nicht glauben. Zu groß ist der Drang nach „Selbstverwirklichung“ / Egoismus, zu stark hat man sich bereits mit dem Wegwerf-Konsum der Gesellschaft identifiziert. “Kinder sind anpassungsfähig.” Aha. Und Eltern wohl nicht?!

Auf eine realistische Darstellung von Frauen, die unfreiwillig  „alleinerziehend“ und oft auch noch komplett alleinversorgend sind, wartet man hier vergeblich. „Was ist mit dieser ständig wachsenden, gern vergessenen Minderheit, die abends nach der Arbeit (Vollzeit!) mit ihren Kindern dasitzt und versucht schnell noch die Hausaufgaben zu kontrollieren, weil das Hortpersonal damit restlos überfordert ist? Wie geht es den Frauen, die täglich um Unterhalt, Umgangsregelung und ihre Existenz kämpfen müssen?“, möchte man schreiben, doch dafür bleibt keine Zeit, denn es geht weiter: und zwar mit üblichen Einkaufs-Tipps, wie man sie aus anderen Zeitschriften dieses Formats kennt, getartn als Fotostrecke. Die entsprechenden Online-Shops und der Preis (z.B. 141 Euro für ein Blümchenkleid) sind selbstverständlich gleich mit angegeben. Ein nützliches DIY-Projekt oder die Adresse eines guten Second-Hand-Geschäfts – in diesem Heft nicht zu finden.

Dafür wartet das Heft mit einer kleinen Reportage, über eine Mutter auf, die derzeit eine Haftstrafe verbüßt, nachdem sie ihren Ex-Geliebten durch einen Auftragskiller ermorden ließ. Offenbar gibt es eben doch eine Form des Egoismus, die zu weit geht – wie schön, dass „Brigitte-Mom“ wenigstens darauf hinweist! Mehr kann man dem Artikel allerdings trotzdem nicht abgewinnen, auch weil „Astrid Haffner“ am Ende Sorgen äußert wie: „Was, wenn der pubertierende Sohn es plötzlich cool findet, eine Mutter zu haben die im Knast sitzt? Und was, wenn Leonie sich verliebt und ihr Freund mit dieser Familiengeschichte nicht umgehen kann?“. (Ich erspare mir an dieser Stelle jeglichen Kommentar, in denen die Wörter „entwicklungspsychologisch“, „Trauma“ und „Therapie“ vorkommen und belasse es bei einem: IM ERNST JETZT?

Aus „Meine heimlichen Gefühle ; Die Kinder, die Männer, der Alltag – und ich“ möchte ich nur eine kleine Passage unter dem Gesichtspunkt der Ironie zitieren: „Selbstaufgabe zugunsten der großen Aufgabe, das Kind optimal aufzuziehen, fällt der aktuellen Müttergeneration schwerer als anderen zuvor: Denn sie wurde nicht in der Schule oder dem Elternhaus bereits darauf getrimmt, Gattin, Hausfrau und Mutter zu werden, sondern hatte vorher meistens einen guten Beruf und ein echtes Leben, das selbstverwirklicht und egoistisch genug warm um jetzt schmerzhaft vermisst zu werden. Nicht immer, aber immer wieder, bei aller Liebe. Die Schuldgefühle deshalb werden dadurch nicht leichter, dass man in der Werbewelt nur madonnenhaft lächelnde Mütter sieht, für die der familiäre Liebesdienst das Höchste der Gefühle ist.“ Witzig nicht wahr? Deshalb auf gertenschlanke Karriere-Mütter,  teure Luxusartikel oder ein Kurz-Interview mit einer Gogo-Tänzerin verzichten? Auf keinen Fall!

Übrigens möchte ich Sandra Hintze wegen ihres geplanten Kaiserschnitts und ihrem Loblied auf diesen medizinisch unnötigen Eingriff nicht beschimpfen – ich bemitleide sie einfach nur. Genauso wie die Frauen, die in „Mann, hilf doch mal mit“ den Satz „Ein zahnendes, schreiendes Baby ist ein Design-Fehler der Natur.“ lesen mussten.

Wer sich nach dieser Ausgabe samt Vorschau („Ich bin eine Samenräuberin – Eine Frau will ein Kind. Um jeden Preis“ oder „Ich habe meine Familie verlassen (Eine Frau erzählt)“ und „Tratsch: Mütter gegen Mütter. Warum wir es nicht lassen können“) die nächste Ausgabe kauft, sollte sich ernsthaft überlegen ob er seine Kinder nicht gleich in ein Internat verfrachten, sich direkt scheiden lassen (falls nicht schon geschehen) und nach New York auswandern möchte.